Zeittafel 125 Jahre Bäckerei - Konditorei - Café Heidinger

Unsere Passion: Lust am handwerklichen Backen.  

1892

Bäckermeister Wilhelm Friedrich Heidinger (geb. 1864) aus Michelbach im Zabergäu gründet in Lienzingen die Bäckerei Heidinger. In Lienzingen heiratet er im selben Jahr Barbara Bender aus Stetten am Heuchelberg. Von ihren sechs Kindern erreichen drei das Erwachsenenalter: Hedwig, Wilhelm und Emil.

Die geschäftlichen Aussichten in Lienzingen befriedigen jedoch Wilhelm Friedrich nicht, er sucht mit seiner welterfahrenen Frau Barbara nach einer besseren wirtschaftlichen Basis. In Dürrmenz-Mühlacker wird er fündig.


Die 125 Jahre junge Bäckerei - Konditorei - Café Heidinger im Jubiläumsjahr 2017. Die letzte von einst zehn selbständigen Bäckereien in der Kernstadt von Mühlacker. Inhaber in der 4. Generation: Wilhelm (Willi) Heidinger. Haus Bahnhofstrasse 33, erbaut 1913.

1901

In dem rasch wachsenden Eisenbahnknotenpunkt und aufstrebendem Industrieort Mühlacker kauft Wilhelm Friedrich Heidinger in der Bahnhofstraße 30 von Bäcker Wilhelm Weidle eine bestehende Bäckerei (heute im Laden Reisestüble Mauch). 

Lt. Kaufvertrag und Auflassung vom 7. März 1901 erwarb Wilhelm Friedrich Heidinger folgende Liegenschaften: „Haus Nummer 328 mit Backofen, Schweinestall, Hofraum mit Krautland im Gressen und dem Garten Parz. 2768/5 – Preis 18.000 Reichsmark“. Der Kaufpreis für damals eine nicht unbeträchtliche Summe.

Das Geschäftshaus ist weiter im Familienbesitz und gehört heute Rudolf Heidinger  (3. Generation), der es von seines Vaters Schwester Hedwig Schuler, geb. Heidinger, übernommen hat. Das Haus wurde von ihm nach der Erbschaftsabwicklung im Jahre 1984 aufwändig renoviert.

 In nimmermüdem Schaffen und mit gesundem Geschäftssinn erwirtschaftet sich das Ehepaar Heidinger in wenigen Jahren die finanziellen Mittel für eine entscheidende Vergrößerung von Produktion und Ladengeschäft. Ein repräsentativer Neubau auf der gegenüberliegenden Seite der Bahnhofstraße (an Kreuzung Bahnhof-, Erlenbach-, Goethe- und Wilhelmstraße) leitete eine neue Ära ein. 

Apropos Fleiß: Der Bäckerladen wurde bereits um 5.00 Uhr früh geöffnet, um die vielen Eisenbahn-Pendler auf ihrem Weg zum Mühlacker Bahnhof mit Wecken und Brezeln zu versorgen. Auch das eine oder andere Stamperl Schnaps rinnt so nebenbei den durstigen Goldschmieden die Kehle hinunter.

1913   

Bau der Bäckerei mit Ladengeschäft (neben Back- und Konditoreiwaren auch Verkauf von sog. Kolonialwaren) in der Bahnhofstraße 33. Der neue Standort ist bis heute Sitz der Firma.

1914

Wilhelm Heidinger II (geb. 1900 in Lienzingen) lässt sich von der allgemeinen Begeisterung für des Kaisers Marine anstecken und geht in Oldenburg als Kadett an Bord des Segelschulschiffs „Prinzess Eitel-Friedrich“. Nach dem I. Weltkrieg ist er als Matrose im Ostseeraum sowie in der Karibik und in weiteren Ländern Südamerikas unterwegs. Das weitet sein Weltbild enorm für spätere Unternehmungen.

1924

Die Familie ruft Wilhelm II nach Hause zurück, sein Vater (gestorben im Dezember 1925) kann aus gesundheitlichen Gründen die Bäckerei nicht weiter betreiben. Erst jetzt erlernt Wilhelm II (in Karlsruhe) den Bäcker-Beruf und legt anschließend die Meisterprüfung ab. Er führt die „Feinbäckerei Heidinger“ ab 1925 selbständig weiter. Im Jahre 1927 heiratet er seine Frau Anni, geb. Hauck, aus Karlsruhe. Aus dieser Ehe gehen vier Kinder hervor: Helga, Alfred, Rudolf und Hans. 

1936

Als erstes Geschäft in Mühlacker führt Wilhelm II schon vor dem 2. Weltkrieg frisches, selbstgemachtes Speiseeis ein. Der Verkauf über die Eis-Theke in Waffeltüten erweist sich als eine gute Einnahmequelle in den warmen Monaten – im Winter gibt es kein Eis zum Schlecken. Im Ehrenamt ist Wilhelm II über viele Jahre als Vorsitzender der „Bäcker-Einkauf“ tätig, einer Genossenschaft der Bäcker in Mühlacker und Umgebung. 

1945

Kriegsende: Die Nazi-Zeit (1933 bis 1945) ist vorüber. Drei Tage nach dem Einmarsch der französischen Truppen in Mühlacker backt Wilhelm Heidinger mit seinem Sohn Alfred sowie einem Gesellen wieder Brot für die hungernde Bevölkerung. Der Verkauf erfolgt durch ein Backstubenfenster in der Erlenbachstraße; das Ladengeschäft bleibt in dieser unruhigen Zeit des Zusammenbruchs noch geschlossen. Wilhelm Heidinger wird als sog. „Mitläufer“ von der Spruchkammer in Vaihingen entnazifiziert. Nach Abzug der französischen Soldaten aus Mühlacker folgen die amerikanischen Streitkräfte. Ein Teil der Bäckerei wird von den Amerikanern beschlagnahmt – sie lassen Donuts aus einer Fertigmehlmischung im schwimmenden Fett backen. Ein für die notleidenden Nachkriegsdeutschen unfassbarer Luxus.  

1952

Nach der Währungsreform 1948 (Umstellung entwerteter Reichsmark auf DM, 40 DM „Kopfgeld“ pro Person) belebt sich – quasi „über Nacht“ – die deutsche Wirtschaft. Das Denken der Deutschen gilt jetzt wieder dem Hinwenden zur Planung und Gestaltung der Zukunft.

Für Wilhelm und Anni Heidinger geht die Planung und die folgende Realisation in Richtung eines totalen Umbaus des Ladengeschäfts mit Anbau eines Cafés sowie dem Bau eines Kühlraumes (damals ungewöhnlich in einer Bäckerei) mit vorgeschalteter Eis-Manufaktur. Die Kolonialwaren werden aus dem Verkaufsprogramm genommen, dafür folgt die konsequente Ausweitung eines damals nicht alltäglichen Sortiments an schön gestalteten, schmackhaften Konditoreiwaren. 

1954

Wilhelm II stirbt nach langer Krankheit all zu früh im Alter von erst 54 Jahren. Mit seinem Sohn Alfred Wilhelm (geb. 1930) steht jedoch ein fachlich versierter Nachfolger in den Startlöchern. Seine Mutter Anni führt mit Unterstützung ihrer Kinder und der Mitarbeit einiger Fachkräfte den Betrieb weiter. 

1958

Alfred Heidinger heiratet Rosemarie Gayde, eine Bäckerstochter aus Illingen (Bäckerei und Gasthaus „Adler). Von seiner Mutter Anni übernimmt er das Geschäft; zunächst pachtweise, Jahre später nach Auflösung der Erbengemeinschaft dann in eigener Regie. Bald gibt es eine weitere Heidinger-Generation: Wilhelm IV (Willi, Bäckermeister und Konditor, geb. 1960), der heutige Firmeninhaber sowie seine Schwester Barbara (Verkaufsleiterin, geb. 1959). 

1961

Das Geschäft des jungen Ehepaars „brummt“. Die Backstube in der Erlenbachstraße wird deshalb nach den neuesten backtechnischen Erkenntnissen aufwändig ausgebaut. Alfred Heidinger entwickelt eine Reihe bei der wachsenden Kundschaft sehr beliebte Brotsorten, so z.B. das bis heute im Back-Programm geführte „Original Enztaler Bauernbrot“ oder das „Flößer-Brot“. 

1963

So konnte schon im Frühjahr 1963 der 10.000-ste Laib Original Enztaler Bauernbrot über die Theke gehen (1.500 g Gewicht). Mit 29 von 30 Punkten schnitt diese Brotsorte bei der Brotprüfung des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks von allen zur Prüfung eingereichten Broten am besten ab. 

1965

Die „Fresswelle“ in Deutschland rollt. Steigende Nachfrage nach handwerklichen Qualitätsprodukten erfordert die Ausweitung der Back-Kapazitäten. In Maulbronn - Schmie erstellt Alfred Heidinger eine nach modernsten Gesichtspunkten konzipierte Großbäckerei. 

1969

Die Produktion in Schmie wird in einem zweiten Bauabschnitt noch einmal erweitert. Allerdings fällt dies in eine Zeit, in der die belieferten Großabnehmer (Discounter) den Preis stramm nach unten diktieren. Mit der Zeit kann man nicht mehr kostendeckend produzieren und muss einen „Vergleich“ beim Amtsgericht anmelden.

1976

Alfred und Rosemarie Heidinger übernehmen wieder das zwischenzeitlich verpachtete Geschäft in der Bahnhofstraße 33 in eigene Regie. Das Filial- und Marktgeschäft wird Zug um Zug ausgebaut. 

1984

Gründliche Renovierung des Cafés: Eine neue Ausstattung der Räumlichkeiten im „Wiener Kaffeehausstil“ passt sich dem Zeitgeist an. 

1989

Gründungsmitglied des Pilotprojekts "Kraichgau-Korn". Dieses Getreide wird im Kraichgau ganz ohne chemischen Pflanzenschutz von teilnehmenden Bauern angebaut und von ausgewählten Mühlen gemahlen.

1990

Wilhelm (Willi) Heidinger heiratet Anita Schuller, eine Bäckerstochter und gelernte Bäckereifachverkäuferin. Aus dieser Ehe gehen drei Kinder hervor, die „fünfte Generation“.

1992

100 Jahre Bäckerei Heidinger. Das Ereignis wird mit attraktiven Aktionen und mit prominenten Gästen gefeiert. Unter dem Slogan „Zwei om fenf, vier um zeah, billiger ko es nemme gea“ wird zum Jubiläum eine viel beachtete Brezel-Aktion gestartet. Bei Preisen wie zur Gründerzeit findet eine Unmenge des schwäbischen Laugengebäcks seine Abnehmer. Bäckerinnungs-Obermeister Schick wird zu Gunsten sozialer Einrichtungen (Kindergärten) aufgewogen.

1995

Die Backstuben-Technik wird auf den neuesten Stand gebracht – Bäckerei-High-Tech hält bei Heidinger wieder einmal Einzug. Diese kostenträchtige Investition ist ein kräftiges Signal in Richtung „ökologisch verträgliche Produktion“.  

1996

Die Familie Heidinger setzt voll auf naturnahe Produktion. Dazu stößt sie eine ganze Palette von Maßnahmen an, die zu ihrer Zeit echte Pioniertaten in Sachen „Schutz der Umwelt“ sind:

Nur noch Verwendung von Mehl aus integriertem, umweltschonendem Anbau aus der Region. Milch sowie Eier aus Freilandhaltung vom „Bauern nebenan“. Keine Verwendung von Fertigmischungen. 

Umweltfreundliches Verpackungsmaterial. Umstellung der Backöfen von Öl- auf Gasfeuerung. Nutzung der Abwärme von Gefrier- und Kühlräumen, Verwendung von FCKW-freiem Kältemittel (gesamte Kälteanlagen-Konzeption von Heidinger Kühl-Systeme). 

Mit diesem umfangreichen Maßnahmenpaket wird Energie eingespart und die Umwelt geschont. Dieses Bemühen findet öffentliche Anerkennung. Aus den Händen von Umweltminister Schäfer nimmt Willi Heidinger im Stuttgarter Neuen Schloss den Umweltpreis des Landes Baden-Württemberg entgegen.

Im Frühjahr eine harte Zäsur: Alfred Heidinger stirbt nach langer Krankheit im Alter von 65 Jahren. 

Willi Heidinger übernimmt in vierter Generation zusammen mit seiner Frau Anita das elterliche Geschäft. Mit zahlreichen Schaustücken und Aktionen macht er auf seine fachliche Kompetenz aufmerksam. 

2001

Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde: Willi Heidinger fertigt die längste Orgelpfeife der Welt aus Marzipan (22,5 Meter lang). Der Verkaufserlös geht an den Orgelförderverein Mühlacker. Auch der höchste aus Schokolade gefertigte Eiffelturm der Welt (205 cm) findet einen Eintrag in das Rekordbuch. 

2014

Die Außenfassade des Geschäftshauses erhält eine neue, der Zeit angepasste, attraktive Farbgebung. 

2015

Viel beachtete Teilnahme am Wettbewerb „Deutschlands bester Weihnachtsbäcker“ des TV-Senders ZDF. Moderation Sternekoch Johann Lafer. 

Aus betriebswirtschaftlichen Gründen, vor allem auch weil qualifizierte Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt schwer zu finden sind, strukturiert Willi Heidinger seinen Betrieb um. Nach und nach zieht er sich aus den Geschäftszweigen „Bäckerei-Filialen“ und „Marktbeschickung“ zurück. 

2017

125 Jahre Lust am handwerklichen Backen. Ein Anlass, um mit der treuen Kundschaft und der Bevölkerung die Bäckerei – Konditorei – Café Heidinger mit einem bunten Programm am Samstag, dem 30. September, zu feiern. Zuvor gibt es am Montag, dem 25. September, einen Jubiläums-Empfang für geladene Gäste im Café Heidinger. 

Das Mühlacker Traditionsgeschäft konzentriert sich heute auf den Stammsitz in der Bahnhofstraße 33. Hier wird die Produktion und der Verkauf von handwerklich hergestellten Qualitätsprodukten aus den Bereichen Bäckerei, Konditorei und Patisserie verstärkt in den Fokus gestellt. Ein Konzept, das mehr und mehr greift. Das angeschlossene Café im Wiener Kaffeehausstil – es besteht im Jubiläumsjahre 2017 auch bereits seit 55 Jahren – rundet das attraktive Angebot harmonisch ab. 

Zukunft?

Bäckerei, Konditorei Heidinger: Die letzten ihrer Zunft in der Kernstadt. 

Die Bäckerei Heidinger ist in der Kernstadt der heutigen Großen Kreisstadt Mühlacker als einzige von einst zehn selbständig agierenden Bäckereien übrig geblieben. 

Wie sich die Nachfolgeregelung der jetzt 125 Jahre alten Mühlacker Traditionsfirma gestaltet, steht nicht fest. Das hängt auch von den politischen Rahmenbedingungen für Handwerksbetriebe ab, die ständig mit kostenträchtigen und zeitaufwändigen, die Existenz gefährdeten Auflagen konfrontiert werden.

Ob von den drei Heidinger-Kindern der fünften Generation (Anja, Alexandra und Andreas) eines die Bäckerei, Konditorei mit Patisserie und das Café weiterführen wird, lässt sich heute noch nicht festmachen. In jedem Falle hat Willi und Anitas Tochter Alexandra Heidinger mit dem Erlernen des Konditorenhandwerks schon einmal eine Grundlage für eine weitere erfolgreiche Fortführung geschaffen.  


Anita und Willi Heidinger führen heute die Traditionsfirma. 




Zeittafel ausgearbeitet im August 2017 von Hans Joachim Heidinger (unter Mitwirkung der dritten & vierten Heidinger-Generation sowie aus Archiv-Unterlagen der Familie.